Aalen, Johanniskirche

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Prospekt mit Spielschrank
Aalen, Johanniskirche (2).jpg
Orgelbauer: Joseph Nikolaus Allgeyer
Baujahr: 1802/1829
Geschichte der Orgel: 1802: von einem Privatmann gestiftet. Für den Einbau der Orgel musste der Kirchenraum um einige Meter nach Osten erweitert werden. Dadurch, dass der Auftrag nicht von Stadt oder Kirche gegeben wurde, sind keine Unterlagen in den Archiven erhalten.

„Anno 1802 wurde zur Ehre und Preiß Gottes, von einem alhießigen Raths Glied gegenwärtige Orgel als ein Legat der Sanct Johanniskirch übergeben, auch ist zu gleicher Zeit dieße Kirche vergrößert worden, unter Anordnung und Aufsicht Herrn Johann Georg Kauffmann, Herrn Matthias Rieder als Kirchen und Heilige Pflegern.“

1821: Die Kirche wird durch ihre Lage vor der Stadt nicht mehr genutzt; der Stifter fordert die Orgel zurück. In einem Gerichtsverfahren wird von ihm die Vorlage einer Stiftungsurkunde verlangt, die er 19 Jahre nach dem Bau nicht mehr beibringen kann. Der Ausgang des Verfahrens ist unbekannt.

1823: Plünderer haben Orgelpfeifen geraubt, die teilweise auf den Feldern um die Kirche wiedergefunden wurden.

1829: Die Orgel wird instand gesetzt und um ein Pedalwerk mit vier Registern erweitert. Bis dahin war das Pedal nur über eine Ventilkoppel an das Manual angehängt, die aber weiter in Funktion bleibt.

1857: Reparaturauftrag an Fa. Gebrüder Link

1917: Sämtliche Metallpfeifen des Instruments wurden für Kriegszwecke eingezogen.

1922: Die Kirche ist in schlechtem baulichen Zustand und soll in ein Kriegerehrenmal umgebaut werden. Eine Initiative privater Denkmalschützer um den Fabrikanten Heinrich Rieger (RUD Ketten) verhindert den Umbau und renoviert Kapelle und Orgel. Fa. Gebrüder Link setzt Prospektpfeifen wieder ein, die Posaune im Pedal wird als "unbrauchbares" Register entfernt.

1922: „Kostenberechnung über die Wiederinbetriebnahme der Orgel in der Friedhofskirche in Aalen“ durch Firma Link. In diesem Angebot findet sich eine (vermutlich unvollständige) Aufzählung des noch vorhandenen Pfeifenwerkes: Gedackt 8’, Gedeckt 4’, Subbass 16’ , Oktavbass 8’, Posaune 16’ (wird als „unbrauchbares“ Register entfernt). Die Maßnahme wird für 8.840,- Mark zur Jahreswende durchgeführt. Dabei erhält die Orgel eine neue, weisse Farbfassung. Die Balganlage aus drei mehrfaltigen Keilbälgen wird neu beledert. Ein Zusatzangebot (7.550,- Mark) für ein neues Register „Gamba 8’“ wird zunächst nicht realisiert.

1928: Benefizkonzert in der Johanniskirche "zu Gunsten der Registererweiterung der Orgel"

1929: Gamba 8' wird eingebaut, finanziert durch Heinrich Rieger.

1942: Bestandsaufnahme durch Dr. Walter Supper: "Orgel im Chor, Schleiflade, mechanische Traktur. Das Werk ist sehr verwahrlost, Register sind z. T. verändert, z. T. verschwunden, Spielschrank zur Orgel". Er findet auf der Manuallade "4-5 leere Schleifen", auf der Pedallade weitere zwei. Die Bestandsaufnahme hat das Ziel, das Instrument unter Denkmalschutz zu stellen und so vor weiterer Materialablieferung zu schützen.

1945: Die Orgel bekommt einen neuen Balg und eine elektrische Windversorgung.

1947: Umbau der Orgel durch Helmut Bornefeld, der die bisherige Disposition als "entstellt" bezeichnet und das Instrument seinem Klangideal anpassen läßt. Entfernung des originalen (!) Holzprinzipal 8', der von Bornefeld als romantischer Zubau fehlinterpretiert wird.

1952: Die Kirche wird renoviert.

1974: Erneute Renovierung der Kirche. Fund romanischer Fresken an der Westwand, Abbruch der Emporen vor der Wand und Aufstellung des Altars an der Wand.

1974: Die Orgel wird anhand der noch lesbaren Beschriftung der Registerzüge auf die Originaldisposition zurückgeführt. Die neu eingebauten Register haben aber mit einem historischen Vorbild nur den Namen gemeinsam und sind klanglich ein Kind der 70er. Ein Interesse an wissenschaftlicher Untersuchung des Instruments bestand damals nicht.

2008: Fund der kompletten originalen Windanlage auf dem Dachboden

2010: Gründliche Archivrecherche. Bis zu dem Zeitpunkt ist der Erbauer des Instruments unbekannt. In den Akten der Heiligenpflege wird der Garantieschein des Instruments gefunden, in der Joseph Allgeyer 10 Jahre Garantie bei jährlicher Wartung der "…von ihm verfertigten Orgel…" gibt.

2010 Ausreinigung und Ausheben des gesamten Pfeifenwerks, dabei Suche nach originalen Spuren. Auf den Lagern der Registerschwerter wird die originale Disposition gefunden sowie die Signatur des Erbauers: "No. 21 / Joseph Allgeyer / 2 Mann"

2014: Restaurierung durch Kristian Wegscheider (Dresden) auf den Zustand von 1829; ermöglicht durch eine großzügige Spende einer Stiftung.

Umbauten: 1922, 1947, 1974
Windladen: Schleifladen
Spieltraktur: mechanisch
Registertraktur: mechanisch
Registeranzahl: 14
Manuale: 1, Umfang: C–c3
Pedal: C–c1
Spielhilfen, Koppeln: Pedal dauernd an Manual gekoppelt (Ventilkoppel)

Balgtretanlage




Disposition

Manualwerk Pedalwerk
Holtz Prinzipal 8'[1]

Viola da Gamba 8'[2]

Groß Gedeckt 8'[3]

Prinzipal 4'[4]

Flöte 4'[5]

Flöte 4'[6]

Quinte 3'[4]

Oktav 2'[4]

Mixtur IV 2'[4]

Cymbel III 1'[4]

Subbaß 16'[7]

Oktavbaß 8'[8]

Posaunenbaß 8'[9]

Baßmixtur IV 4'[4]


Anmerkungen
  1. 1947 durch Bornefeld entfernt, durch Wegscheider rekonstruiert. C-Gs gedeckt, hinterständig auf Zusatzlade. Nach Vorbild Prescher/Mönchsdeggingen
  2. Wegscheider. C-H gedeckt
  3. Anschrift am Spieltisch "4 Fuß" (bauliche Länge). Original
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 4,5 Wegscheider
  5. teilweise erhalten
  6. gedeckt, Anschrift am Spieltisch "2 Fuß". Original
  7. original; C, D-g0 älter, möglicherweise 17. oder 18. Jahrhundert. Herkunft dieser Pfeifen unbekannt
  8. original
  9. 1922 entfernt, durch Wegscheider rekonstruiert



Bibliographie

Literatur: Thomas Haller: Die Orgelmacherfamilie Allgeyer in Wasseralfingen und Hofen. In: Württembergische Blätter für Kirchenmusik, Band 82, Heft 1, S. 9–16, 2015, ISSN 0177-6487

Burkhart Goethe, Thomas Haller, Kristian Wegscheider: Die Königin von St. Johann Aalen. Evangelische Kirchengemeinde Aalen 2014, 20 EUR, Bezugsmöglichkeit

Karlheinz Bauer: Die Orgelbauerfamilie Allgeyer in Hofen und Wasseralfingen. In: Aalener Jahrbuch 1986. Geschichts- und Altertumsverein Aalen e.V. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart und Aalen 1986, online, PDF

Weblinks: Website der Kirchengemeinde

Die Orgel auf der Seite der Kirchenmusik Aalen

Wikipedia-Eintrag

Eintrag auf orgbase.nl

Rezension eines Konzertes


pecha-kucha-Vortrag von Thomas Haller über die Restaurierung der Orgel in St. Johann:


J.S. Bach: Präludium und Fuge d-Moll BWV 539 (Allgeyer-Orgel, 1802), Christian Barthen: